EIGENE TEXTE

Das Projekt ARTE E ECOLOGIA mit der Performance COERENCIA DE FORMAS E MOVIMENTOS (BEWEGUNG IST FORM) ist in einem Zeitraum von 30 Jahren aus verschiedensten Momenten meiner künstlerischen Arbeit zu etwas Neuem zusammengewachsen. Eine Beschreibung kann von den Bildern ausgehen, die ich wiederhole und verändere: Welt, Embryo, Hand, Fuß, Gehirn und Genitalien, Bodyprint und Bewegungsspur. Alles verbunden durch die Vorstellung einer elektronischen Bildmaschine GEROMAT die die Kapazität hat alle Formen verändernd ineinanderübergehen zu lasen etwa so wie es ein intergalaktischer Besucher sehen würde der aus Sternwolken kommend den Planet Erde anfliegend sich der Form der Kontinente, der Erdoberfläche, dem Lebensraum der Menschen etwa Manhattan bis hinunter zum Picknick im Park nähernd, unter die Haut ins Gehirn in die Formwelt der Organe, Zellen und Energiefelder atomarer Wolken vordringend, aus unserem Wahrnehmunsbereich wieder austritt ohne einen Aufenthalt oder ein Ziel gefunden zu haben..
1964 habe ich als Student der SHfbK Berlin in einem Referat diesen galaktischen Anflug als Diaserie projiziert, um den Begriff der Komplexität zu illustrieren. Die Studenten im Medienhaus der UdK heute können diesen Anflug wie den Film einer echten Reise simulieren. Einer derartigen Reise vergleichbar werden jetzt auch, um die Bedeutung der Hand und der Handlung zu illustrieren, alle durch die Bewegung der Hände entstandenen Formen (Kulturtechniken, Handwerk, Gebrauchsgegenstände, Technologien und Konstruktionen) in der Lichtspur einer Handbewegung wie in einer Holographie aufleuchten .
Das Medium PERFORMANCE will die „Holographie“ in der Psyche der Beteiligten entstehen lassen. Teilnehmend, in der Dramaturgie der Ereignisse sich bewegend, wird der Zusammenhang von Bewegung und Form im Projekt Arte e Ecologia zum persönlichen Erlebnis.

ARTE E ECOLOGIA ist als Dienstleistung im Solzialisationsbereich sowohl in Schulen als auch in der Erwachsenenbildung geeignet dem zu lernenden Wissen einen emotionalen Raum einzurichten.


Gernot Bubenik


Berlin 19.02.2002

EIGENE TEXTE
R I A S
Sendung:
Sonntag, 22.02.1970
23.35 Uhr/ RIAS I
Montag, 06.04 1970
22.00 Uhr / RIAS II

Ansage DER MENSCH IN DER ZUKUNFT - eine Sendereihe des RIAS
von Herbert Kundler.
42.Folge: Das Selbstverständnis des Künstlers in der
Zukunft.

Sprecher: Wir haben in der letzten Sendung über Haltungen von Teilen der Jugend gegenüber der Leistungsgesellschaft gesprochen. Wir haben betont, daß offenbar nur die Leistungsgesellschaft die Kapazität hat, einen erfolgreichen Kampf gegen die Armut in der Welt zu führen. Wir haben hervorgehoben, daß auf dem Hintergrund ihrer gewaltigen zerstörerischen Potenz die Fragen nach der Gültigkeit, tatsächlichen Anwendbarkeit und Verbindlichkeit ihrer Normen und Moral von elementarer existentieller Bedeutung sind. Wir haben darauf hingewiesen, daß die moderne Leistungsgesellschaft zunehmend Handhaben zur Normierung und Manipulierung des Einzelnen entwickelt und daß insbesondere bei Teilen der Jugend eine als romantisch und irrational deutbare Flucht aus dem programmierten Leben und komplizierten Verantwortungen zu beobachten ist. Wir haben den europäischen Jugendprotest radikaler Spielart zu psychoanalytischen Deutungen in Beziehung gesetzt und der Annahme Raum gegeben, daß die extreme Ablehnung etablierter Strukturen und tradierter Verhaltensweisen möglicherweise durch Bewährungsangst motiviert ist und daß sich die Berufung insbesondere bürgerlicher Jugendlicher auf ideologische Systeme, Maxime und Personen des 19. Jahrhunderts und der zeitgenössischen Linken als Eskapismus und Frustration interpretieren läßt. Wir haben stark hervorgehoben, daß das, was als leidenschaftliche und bis in den Terror gesteigerte Kritik auf die Gesellschaft projiziert wird, unter Umständen in Wirklichkeit eine Konfliktübertragung im Psychoanalytischen Sinne ist, nämlich eine politische "Umfunktionierung" persönlicher Schwierigkeiten in der Anpassung an die Welt der Erwachsenen und an eine technologisch-wissenschaftlich orientierte Lebensbewältigung. Abschließend haben wir gesagt, daß unsere skizzenhafte Darstellung psychoanalytischer Deutungsmöglichkeiten nicht mehr sei, als ein Versuch und Denkansatz.

Sprecher: Heute wollen wir weitere Faktoren in die Betrachtung einführen. Dabei gehen wir aus vom Selbstverständnis des Künstlers in der Zukunft. Nicht um eines Proporzes der Meinungen willen, sondern weil die Darlegungen über den geistigen Ansatz unserer letzten Sendung hinausführen, sei zunächst dem Schriftsteller
Dieter Wellershoff
das Wort gegeben. Er fragt nach dem Gegenbild von Konfusion und Konformismus, das er weder in ewigen Werten, noch in einer normativen Ästhetik sieht oder einem Stil der kanonisierten Meisterwerke. Diese würden einer Gesellschaft entsprechen, die vor allem die überkommene Struktur retten und sie reproduziert sehen will und sich wahrscheinlich an einen von oben verströmten Konsensus orientiert. Wellershoff denkt an eine Gesellschaft, die, wie ein kybernetisches System, Ultrastabilität erwirbt.

1925 geboren, betätigt Wellershoff sich als Roman- und Hörspielautor, Essayist und Lektor. Seine intensive Beschäftigung mit Gottfried Benn ist spürbar. Wellershoff erhielt vor kurzem den Kritikerpreis 1969 für Literatur des Verbandes deutscher Kritiker. Wir baten ihn, seine kurze Dankrede für unsere Reihe DER MENSCH IN DER ZUKUNFT aufzunehmen:

Wellershoff: Zu Beginn dieses Jahres kamen in aller Welt die Futurologen zu Wort, um das neue Jahrzehnt, das Leben der 70er Jahre vorauszusagen. Einer ihrer Prophezeiungen lautete, daß die künstlerischen, die kreativen Berufe besonders gute Aussichten hätten. Ich glaube nicht, daß damit für alle Künstler der Begriff der brotlosen Kunst historisch vorabschiedet ist. Eher werden die sozialen Unterschiede zwischen der Prominenz und den Unbekannten noch skandalöser werden, denn die Unüberschaubarkeit des Angebots läßt Zonen relativer Unsichtbarkeit entstehen, die schwer zu verlassen sind und von denen deshalb diejenigen begünstigt werden, die aus welchen Gründen auch immer, über sie hinausgelangten. Sie werden zu hochhonorierten Fixpunkten der allgemeinen Aufmerksamkeit, sie beschäftigen das Informationsnetz bis in seine privaten Verästelungen, als Gesprächs- und Reflexionsanlaß sind sie für eine Weile das Kontaktmaterial, an dem sich die Gesellschaft formuliert.

Vielleicht wird aber in Zukunft die gesellschaftliche Belichtungsdauer noch kürzer werden, die man früher Ruhm nannte und als einen dauerhaften denkmalwürdigen Status empfand, oder vielleicht wird Ruhm eine Bekanntheit zweiten Grades sein, eine dämmerig beleuchtete Anwesenheit im Bühnenhintergrund, während ganz vorne als das eigentlich Aufregende die Aktualitäten wechseln. Je zugespitzter eine neue Artikulationsweise ist, umso größer ist wahrscheinlich ihre Chance aufzufallen, umso kurzfristiger aber auch ihre Aktualität. Und wenn ein Künstler, ein Autor mit einer solchen Besonderheit identifiziert ist, und das ist ja wohl eine Konsequenz der Markenartikelbildung und Idolisierung, die der Kunstmarkt betreiben muß, dann ist er in Gefahr, ebenfalls rasch zu verschwinden. "Kunst hat heute Nachrichtenwert", sagt der New Yorker Kunstkritiker John Perrault, und Nachrichten sind keine Wertgegenstände, die sich halten.

Für das Bedürfnis nach kultureller Stabilität sind das schlechte Aussichten. Qualitative Beliebigkeit und Verwahrlosung scheinen auf uns zuzukommen. Wenn schließlich alle Kriterien weggeschwemmt sind vom uferlosen Machen, dann bleiben nur Konfusion und Konformismus übrig. So zum Beispiel zeigt es Nathalie Sarrautes Roman "Die goldenen Früchte", in dem vorgeführt wird, wie durch das dauernde Gerede der Literaten irgendein Buch irgendeines Autors zuerst zu einem bedeutenden Werk gemacht wird und dann allmählich wieder zu einem Nichts, an das sich keiner mehr recht erinnern kann und möchte. Das ist mit Abscheu vor der inneren Haltlosigkeit dieser Gesellschaft gesehen, die nur aus Anpassungszwängen zu bestehen scheint. Ein totaler Relativismus der Werte erzeugt eine dauernde Angst und eine nervöse Informationsjagd, in der alle gierig nach bald wieder aufgekündigten Übereinstimmungen schnappen und sich gegenseitig terrorisieren. Aber was wäre dann das Gegenbild? Eine normative Ästhetik, ewige Werte, ein klassischer Stil mit kanonisierten Meisterwerken? Und welcher Gesellschaft würde das entsprechen? Offenbar doch einer, die vor allem ihre Struktur bewahren will, die politisch, moralisch, kulturell auf normativem, wahrscheinlich sogar von oben verordnetem Konsens beruht und in der Lernen ein Reproduzieren von vorgeformten Erfahrungs- und Vorhaltensmustern ist. Es wäre eine Gesellschaft, die das Neue als falsch, fremd und böse denunziert, weil sie sich davon in ihren Grundregeln bedroht fühlt, eine Gesellschaft, die autoritär ist, weil sie ihrer eigenen konsensusbildenden Kraft mißtraut.
Eine moderne Gesellschaft wäre dagegen eine, die wie ein entwickeltes kybernetisches System Ultrastabilität besitzt, das heißt sie muß fähig sein zu lernen, neue Problemlösungen zu finden und sich dabei selbst zu verändern. Das hängt davon ab, ob sie viele neue Informationen aufnehmen und nach neuen Operationsregeln miteinander verbinden kann Es muß also in ihr möglichst viele Menschen geben, die sich in wechselnde Rollen und Situationen hineindenken können, die in dauerndem Informationsaustausch stehen die nicht normgebunden, sondern sachorientiert denken, und für die Lernen ein dauerndes Umlernen ist.
Es wundert mich nicht, wenn dieses Prinzip der dauernden Veränderung sich in der Kunst und Literatur besonders deutlich darstellt, ja wenn dieser von Sachzwängen entlastete Bereich das eigentliche Trainingsfeld wird für die geistige und sensuelle Beweglichkeit, die eine moderne Gesellschaft braucht. Alles ist möglich und alles Neue ist interessant, das ist die Botschaft, die durch die Entschränkung oder Auflösung des Kunstbegriffs und den sich beschleunigenden und vervielfachenden Umlauf neuer Artikulationsweisen schon allgemein geworden ist, und das könnte nicht so sein, wenn es nicht gedeckt wäre durch die Gesamttendenz der Gesellschaft. Natürlich kann man auf Widersprüche hinweisen und der Kunst vorwerfen, daß sie eine Ersatzbewegung in einer institutionell schwerfälligen und rückständigen Gesellschaft sei, aber das nimmt ihrer ungeheuren Ausweitung, die wir vor Augen haben, noch nicht die Beispielhaftigkeit für eine mögliche künftige Gesellschaft, die vom Mangel, von zwanghafter Arbeit und den Verdikten gegen die Sinnlichkeit befreit ist und in der Kreativität und spielerische Freiheit allgemeine Werte sind. Es ist ein unbewußtes Votum für eine Veränderung in dieser Richtung, wenn wir beispielsweise im Gedicht überintegrierte Formen und metrische Schemata uninteressant finden und den spontanen, fragmentarischen Ausdruck bevorzugen, wenn in der Prosa die Erzählerperspektive als eine konventionelle Objektivierung der Welt von einem gesicherten Blickpunkt aus unsere Vorstellungskraft ermüdet, während multiperspektivische, hypothetische Schreibweisen sie herausfordern. Aber ich sollte das prinzipieller formulieren: ein durchgehender Zug der modernen Kunst und Literatur ist die verweigerte Verfestigung der Erscheinungen und Bedeutungen; immer neue Störtaktiken werden erfunden, die das scheinbar Bekannte, das repräsentativ werden möchte, auflösen in Vieldeutigkeit und Bewegung. Das setzt ein Publikum voraus, das keine Bestätigung, sondern eine dauernde Verschiebung seiner Erwartungen verlangt, und für das es ein Reiz ist, neue Fragen und neue Operationsregeln zu verstehen. Ich traue diesem Training der Lernfähigkeit oder des rascher Orientierungswechsels zu, daß es in immer mehr Menschen die traditionellen und autoritären Konditionierungen lockert und vielleicht zerstört. Aber Autonomie wäre damit noch nicht verwirklicht, denn sie wird durch diesen Prozeß der dauernden Informationsvermehrung nicht nur gefördert, sondern auch bedroht. Sie kann durchaus verlorengehen in der totalen Zerstreuung, indem sich nämlich eine Reizbedürftigkeit einübt, die keine längere Spannung, keinen Befriedigungsaufschub ertragen kann, und die deshalb immer lieber das Billige als das Schwierige wählt. Die Entschränkung der kreativen Möglichkeiten würde sich so selbst verschütten und dann wahrscheinlich einfangen lassen in den neutralisierten Formen artistischer Technologie.

Ich habe von der Zukunft gesprochen und hoffe gezeigt zu haben, daß das heute für einen Schriftsteller kein zufälliges Thema ist. Schreiben hat mehr und mehr den Charakter einer Probierbewegung bekommen, die über immer neue Stationen einer Faszination folgt, die sie sich verständlich machen will. Kritik wird dem folgen müssen, ja sie gehört als eine zweite Artikulationsform dazu. Auch sie ist ein prospektiver Akt geworden, weil sie sich nicht mehr orientieren kann an vorgegebenen ewigen Normgestalten. Es sieht so aus, als wende sich alle unsere Fantasie den Projektionsräumen zu, in denen unser noch nicht artikuliertes Leben sich selbst zu erkennen versucht.

Sprecher: Probierbewegung - Artikulation der Fantasie in Projektionsräume hinein. Interpretation eines Schriftstellers: Dieter Wellershoff.

Zweiter Gast in der heutigen Sendung ist ein Bildender Künstler,

Gernot Bubenik:
27 Jahre alt. Ein, wie der SPIEGEL vor 2 Jahren schrieb, Science-Fiction-Künstler, der schon museumsreif sei.

Bubenik lebt seit 1962 in Berlin. In Troppau geboren, Schüler in Pfaffenhofen, technischer Praktikant beim Max-Planck-Institut für Silikatforschung in Würzburg, dann Gärtnerlehrling mit Gesellenprüfung. Schüler in der Klasse von Professor Wolf Hoffmann in Berlin. Vertreten auf Ausstellungen in Paris, Mailand, New York, Genf; hat bereits als Fünfundzwanzigjähriger im Verlauf nur eines Jahres 20 Bilder und nahezu l000 Druckgrafiken auf dem Kunstmarkt fest untergebracht. Was für Bilder und Grafiken? Sogenannte Begriffsbilder, Schautafeln, Querschnitte. Der Autor des SPIEGEL - Artikels über ihn spricht von halb exakten, halb phantastischen Farbtafeln in der Art schematischer Lehrbuch-Illustrationen, von schockfarbenen, präzisen Bildern, mit Schablonen und einer Spritzpistole auf grundierte Aluminiumplatten aufgetragen. Ein anderer Kritiker spricht von ästhetisch überhöhter Symbiose aus Botanik, Kybernetik und frei fabulierter Science - Fiktion, Bauzeichnungen der gewachsenen und konstruierten Welt; optische Formen für die organische Struktur der Flora, kombiniert mit technischen Modellen, erfundenen und realen Schaltplänen und Grundrissen. Die Formel für Kohlenstoff und der Querschnitt durch eine imaginäre Pflanze ineinander projiziert. Modelle einer neuen Realität, Didaktik und besessene Sorgfalt, philosophische Positionen und gesellschaftliches Engagement: "Das Kunstprodukt will aktiv an den verschiedenen Veränderungsprozessen in der Gesellschaft beteiligt sein." Stichworte der Kritik über Bubenik. Und nun er selbst:

Bubenik: Grundsätzlich gefallen mir die Ansichten von Wellershoff sehr gut. In zwei wesentlichen Punkten kann ich sie ergänzen und präzisieren. 1. Aus der Sicht des bildenden Künstlers deshalb, da die zur Zeit bereits auf der Straße in Form von Schülerdemonstrationen sichtbare ,,Bildungsexplosion" nicht nur dem Namen nach mit der ,,Bildenden Kunst" etwas zu tun hat, sondern tatsächlich beide Bereiche ganz konkret daran arbeiten, was für ein ,,Bild" sich die Leute von der Welt machen. Es ist kein Zufall, daß sich die Künstler mit den protestierenden Schülern und Lehrern solidarisieren. Hier entscheidet sich, welche Gestalt die Gesellschaft bekommt. Hier wird nicht nur ein Bild beschrieben, sondern es wird konkret hergestellt. Es wird gemacht.
Die 2. Präzisierung, die ich beitragen kann, betrifft die konkreten Entscheidungen, die die bildenden Künstler in der nächsten Zukunft fällen werden. An welchen Stellen der Gesellschaft werden sie ihre ,,bildenden Fähigkeiten" einsetzen, um die Wunschbilder, die alle Leute gequetscht, verdrängt, versteckt, in sich selbst herumtragen, konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen?

Nach diesem Spiel mit dem Wort ,,Bildung", das den komplexen Zusammenhang der Arbeit des bildenden Künstlers mit der aktuellen Bildungsexplosion anpeilt, ist folgende Aussage, die vor 3 Jahren noch verdächtig nach Utopie klang, bereits verständlich als eine dringend zu verwirklichende Aufgabe der Gegenwart. Die Aussage nämlich: Bildende Kunst entwickelt ihren eigenen und durch nichts ersetzbaren Beitrag zur Bildung einer emanzipierten Gemeinschaft. Durch diese Funktion beweist die bildende Kunst ihre politische Bedeutung. Bildende Kunst war und ist in ihren bedeutendsten Entwürfen auch politisch revolutionär.

Demgegenüber ist die in pompösen utopischen Filmen wie dem Film ,,2001" Millionen Leuten als Utopie gezeigte Funktion der Kunst in der Zukunft nur der Ausdruck des gegenwärtigen Bildungsnotstandes, der gleichzeitig auch der Notstand der bildenden Kunst ist. In einer von den Konzernen BBC, Hilton und Pan American geprägten technischen Superlandschaft im Weltraum greift ein Käpten der Raumschiffbesatzung zu Bleistift und Papier und porträtiert seinen im Kühlschlaf stillgelegten Kollegen. Ist das die Funktion der Kunst in der Zukunft? Versuchen hier Leute, die die gegenwärtige Bildungskatastrophe und eine verstümmelte, stagnierende Kunst beibehalten wollen, uns an diesen Notstand zu gewöhnen? Welche Gefahren Kunst mit sich bringt, wird in dem Film ,,2001" auch gleich mitgeteilt. Der Raumschiffcomputer betrachtet die Zeichnung und bekommt Gefühle. Der Computer entwickelt Eigeninitiative und stellt das ganze Unternehmen in Frage. Ohne Zweifel, da muß eine Schraube locker sein. Da muß was ausgewechselt werden. Die tapfere Besatzung startet auch gleich ein mutiges Unternehmen, um den Computer zu überlisten - damit er nicht nochmals solche eigenartigen Gefühle bekommt. Diese Tendenz mit der Kunst umzugehen, kennen wir zu gut aus der gegenwärtigen Praxis derjenigen, die die überkommene Strukturen der Gesellschaft beibehalten, politische und wirtschaftliche Geschäfte machen wollen und die die Macht dazu haben, alles, was diese Bestrebungen aufweicht, zu vernichten oder herauszuoperieren. Der Wunsch nach totaler Manipulation der Menschen kann in einem Film nicht besser verschleiert dargestellt werden. Mir ist klar, daß dies ein neuer Faschismus ist, gegen den wir und besonders die bildenden Künstler, die davon unmittelbar existentiell betroffen sind, mit allen Fähigkeiten des Kreativen, des Lebendigen uns zur Wehr setzen müssen. Welche Funktion kann und wird die bildende Kunst in Zukunft haben und welche Bedeutung kommt ihr im Gesamtzusammenhang der Gesellschaft zu? Um das abschätzen zu können, ist die Kenntnis zweier funktional gekoppelter Mechanismen Voraussetzung.

1. Alles, was die gesellschaftliche Umwelt konkret sichtbar ausmacht, also die Architektur mit unseren Wohnungen und Fabriken, die Großstädte, die politische Organisation der Gesellschaft, die Praxis im Bildungsbereich, der gesamte Bereich der Kommunikation mit Zeitungen, Fernsehen, Film, Computertechnik, Wissenschaft und Ideologien, sind Ausdruck der menschlichen Denk- und Wahrnehmungsstrukturen. Diese Denk- und Wahrnehmungsstrukturen aber sind nicht ausschließlich biologisch festgelegt wie Haarfarbe und Hautfarbe, sondern stark veränderlich, also manipulierbar und beeinflußt wiederum durch die entstandene gesellschaftliche Umwelt.

2. Die bildende Kunst ist intensive Erforschung und zugleich Praxis mit diesen Wahrnehmungs- und Denkstrukturen. Die Kunst entwickelt neue Denk- und Sehgewohnheiten. So mußte z.B die Zentalperspektive erst erfunden werden. Daraufhin wurde sie durch bildhaftes Einüben Wahrnehmungs- und Denkinhalt. Nunmehr wurde die Umwelt so erlebt und tatsächlich bewußt wahrgenommen. Anderes Beispiel: Das Koordinatensystem mußte erst erfunden werden. Dann erst konnten Künstler die Bilder der Umwelt in diese Hierarchie einordnen. Daraufhin konnten die Leute in der täglichen Praxis sich diesem System entsprechend verhalten, also die Gesellschaft z.B. nach diesem System ordnen und organisieren.

Drittes Beispiel: Die Impressionisten mußten die Umwelt als Farbsystem, demnach die Welt als Produkt des Auges erst erfinden. Dann erst konnte die Technik diese Sehmethode über Fotografie und Farbrasterdruck über die ganze Welt verbreiten. Dann konnte diese Methode Wahrnehmungsinhalt aller werden. Alle sehen die Welt jetzt entsprechend der impressionistischen Methode.
Ausgangspunkt und Zentrum beider Mechanismen sind die Wahrnehmungs- und Denkstrukturen des Menschen. Die bildende Kunst hat die Möglichkeit, die beiden Strukturen bereits im frühen Lernprozeß zu verändern. Erst die veränderten Wahrnehmungs- und Denkstrukturen können eine neue veränderte gesellschaftliche Umwelt entstehen lassen. Demnach ist der konkrete Ansatzpunkt der Kunst zur gesellschaftlichen Veränderung die Bildung neuer Wahrnehmungs- und Denkstrukturen bereits in den ersten Lebensjahren jedes einzelnen Individuums: Also im Kindergarten, in Schulen und anderen Erziehungsbereichen.
Kunst ist sinnlos, wenn sie nicht Eingang in den Lehrplan und in Unterrichtsmethoden der Schulen und Kindergärten findet. Sie ist sinnlos, wenn sie nicht in den Lesebüchern, Bilderbüchern, Fachbüchern, in Zeitungen, Zeitschriften, Filmen, im Fernsehen konkrete Wirkungen verursacht. Kunst ist sinnlos, wenn sie nicht über alle diese Bildungsmedien die Wahrnehmungsstrukturen, die Denkstrukturen, die Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten, die Wünsche und Träume aller Leute von Anfang an ausprägt. Hier findet die Verwandlung statt, die unsere Gesellschaft zur Weiterentwicklung braucht. Hier wird sich erst entscheiden, ob die Verkrustungen, die verfestigten Strukturen von Jahrhunderten, ob Autorität, Hierarchie, Kapitalismus und unmenschliche Architektur durchbrochen, von unten, also durch die Umwandlung der Menschen selbst aufgeweicht werden kann und eine neue Gesellschaftsform frei wachsen kann.
Damit sind die Stellen der Gesellschaft, an denen die Künstler ihre "bildenden Fähigkeiten" einsetzen werden, festgestellt. Zu beantworten wäre noch: Wie sehen die konkreten Handlungen aus: Zur Zeit erleben wir parallel zur Bildungsexplosion eine Expansion der bildenden Kunst. Die Expansion ist abzulesen z.B. an der gegenwärtig laufenden Umstrukturierung des Kunstuntericht mit der Tendenz, Fachklassen aufzulösen zugunsten von Lernprozessen in Arbeitsgruppen. In multidisziplinär zusammengesetzten Gruppen wird die Kooperation der Künstler mit Soziologen, Architekten, Mathematikern, Ärzten, Ingenieuren, Kunstwissenschaftlern und Laien bei der Planung und Ausführung konkreter Aufgaben im Bereich der Stadtplanung, der Umweltgestaltung, der Kommunikationsmedien, der Pädagogik, der Kulturpolitik, der Spiel- und Wohnumwelt, der Sexualaufklärung und anderen bereits vorbereitet. Die bildende Kunst expandiert also besonders in den Bildungsbereich. Neue Methoden der Kunsterziehung führen zu einer Infektion auch der Unterrichtspraxis anderer Fächer mit dem Prinzip Kunst. Sie enthält die Perspektive einer humanen Stadtplanung und Architektur einer Wohn- und Spielumwelt von didaktischen Räumen in den Schulen bei Benutzung aller Informationsmedien zur Vermittlung unserer komplexen Gesellschaft. Sie enthält durch neue Möglichkeiten der Freizeitbewältigung und der visuellen Unterstützung der sich abzeichnenden Bildungsexplosion aller Bevölkerungsschichten, durch Umwandlung der Museen und Theater und sonstiger Kulturhallen in Aktionsräume für die Emanzipation aller. Dieser Entwicklung stehen einige Schwierigkeiten entgegen, die in absehbarer Zeit gelöst werden müssen. Vor allem die öffentliche Kunstförderung versteht sich heute immer noch als Förderung von Museumskunst, d.h. Bilderankauf, Bilderaufbewahrung, Bilderausstellung. Die Kulturverwaltungen sind auch ausschließlich darauf eingestellt. Ebenso sind die zur Kunstförderung freigegebenen Gelder für diesen Zweck bemessen und zweckgebunden. Während also in Wirklichkeit die Grenzen der Arbeitsgebiete, z.B. bildende Kunst und Erziehung, durch Zusammenarbeit rasch aufgehoben sind, bleibt die Verwaltung in oft parteipolitisch sich streitende Abteilungen getrennt, ebenso die dazu gehörigen Gelder. In Wirklichkeit zusammengehörende Aktivitäten werden getrennt verwaltet und finanziert, eine Trennung der Aktivitäten dadurch erzwungen und künstlich aufrechterhalten. Die Trennungslinien ziehen sich auch durch die Verteilung der öffentlichen Gelder aus den Überschüssen des Zahlenlottos. Für die bildende Kunst bleiben bei der Aufteilung oft nur die Krümel des großen Kuchens übrig. Diese Praxis hat ein starres Beharrungsvermögen und fühlt sich in ihrer Ordnung gestört, wenn ein Teilbereich der Kunst sich expansiv entwickelt und auf andere Bereiche übergreift. Hier kann nur ein entschlossenes Umdenken der Verwaltungen weiterhelfen und nicht eine erzwungene Einschränkung der bildenden Kunst. Die Kunstförderung muß auf eine erweiterte Expansion der Kunst übertragen werden. Dazu wäre die Voraussetzung: 1. Mitbestimmung der Künstler, 2. Veränderung der Prioritäten bei der Aufteilung der Förderungsmittel, 3. Öffnung der Schranken innerhalb der Verwaltungen um das Engagement der Künstler etwa im Erziehungswesen überhaupt erst möglich zu machen und zu finanzieren.

Sprecher: Gernot Bubenik hat hervorgehoben, daß die Bildende Kunst nicht nur Denk-. und Wahrnehmungsstrukturen spiegelt, sondern daß sie diese nachhaltig zu beeinflussen vermag, sofern sie Eingang in Kindergärten, Bilderbücher, und Massenmedien findet. Wenn Bubenik in diesem Zusammenhang von ,,Aktionsräumen der Bildenden Kunst" spricht, setzt er sich der Gefahr politisierender Fehldeutungen aus, die den Kern der Sache nicht treffen. Es ist vielleicht zweckmäßig, seine knappen Bemerkungen aus sozialpsychologischer Sicht zu erläutern. Wir wollen deshalb abschließend noch etwas ausführlicher aus einer Arbeit von EDUARD JORSWIECK über "Sozialfaktoren im Wahrnehmungsprozeß" zitieren:

Eine wichtige Bedeutung für die Wahrnehmung haben jene Sozialfaktoren, die sich aus dem Zusammenleben der Menschen in größeren.oder kleineren kulturellen Gruppen ergeben. Ebenso wie Bedürfnisse und Gefühle wird im Verlaufe der Kindheit und Jugend auch die Wahrnehmung gelernt gemäß der Rollenstruktur und den Sozialbedingungen, in denen das Aufwachsen erfolgt. Die jeweils bevorzugten Abstraktionen und die Erfassung von Eigenschaften zum Beispiel des Raumes sind nicht allein abhängig vom erreichten Reifezustand oder vom intellektuellen Status eines Menschen, sie stellen vielmehr eine Funktion der Kultur dar, in der der Betreffende lebt. So teilt Jane Belo aus dem Balinesischen Kulturraum mit, daß Menschsein ausschließlich auf drei Arten definiert wird: stehen oder gehen, sitzen oder hocken, liegen oder schlafen.
Deutliche, speziell die optische Wahrnehmung betreffende Kultureinflüsse ließen sich mit Hilfe des Rorschachtestes nachweisen. So geben zum Beispiel die eingeborenen Bewohner von Samoa mehr ganzheitliche Antworten auf die Rorschachbilder, während mit dem gleichen Test untersuchte Marokkaner viele Teilantworten lieferten. Überraschenderweise sind auch die Farbwahrnehmungen in den einzelnen Kulturen unterschiedlich. So wird die in unserer Kultur übliche Gegenüberstellung des Farbpaares Rot und Grün in einigen Kulturen bis zu 20 unterschiedlichen Farbwahrnehmungen aufgegliedert. Unsere Farbwahrnehmung ist daran orientiert, rasch einen wenn auch abstrahierten, Überblick zu verschaffen, während beispielsweise ein südamerikanischer Indianermit Hilfe seiner spezialisierten Farbauffassung zu einer Wahrnehmungsgliederung seines Lebensraumes gelangt, die zwar unübersichtlicher, aber weit merkmalsreicher ist. Aber auch das Kind unserer Kultur sieht tatsächlich die Eigenschaften von Gegenständen, Tieren oder Menschen, die ihnen von den Trägern der Erziehungsrolle als selbstverständlich übermittelt werden. Ein derartiges aus der Gruppe übernommenes Wahrnehmungsmuster tritt im Bereich der Wertwelt besonders akzentuiert hervor. So sind, die beobachteten Merkmale des jeweils Bösen oder des Schönen, des Richtigen oder der Gerechtigkeit zunächst einmal abhängig von jenen als direkt wahrnehmbar postulierten Eigenschaften, wie sie durch die Kultur festgelegt wurden. Selbst in den späteren Lebensaltern ist die Gruppenabhänigkeit des Wahrnehmens experimentell zu erfassen. Größen oder Längenschätzungen, die Feststellung von Klangunterschieden oder Helligkeitsdifferenzen ebenso wie das Vergleichen von Gewichten ergeben im Einzelversuch deutlich andere Befunde, als wenn unter sonst gleichen Bedingungen derartige Schätzungen gemeinsam in der Gruppe durchgeführt werden. Dabei spielen sicherlich individuelle Formen des Gruppenkontaktes und der Anregbarkeit durch die anderen Gruppenmitglieder eine Rolle, jedoch zeigt sich, daß derartige Gruppenwahrmehmungen umso einheitlichere Ergebnisse erzielen, je länger die Gruppe existiert und je stärker sie nach Rangordnung, Gruppensolidarität und Mentalität strukturiert ist.

Sprecher: Solche Ergebnisse besagen insgesamt, daß die Präzision aber auch der Umfang der Wahrnehmung reduziert wird im Dienste einer Erleichterung in der Urteilsfindung und Bewertung kritischer Sachverhalte.
Im ganzen zeigen also die modernen Forschungen zur Sozialbestimmtheit der Wahrnehmung, in welch weitreichendem Umfang jeder Mensch nicht nur in seinen Überzeugungen und Gefühlen, sondern auch bereits in der Art und Weise seines Wahrnehmens lernt, die Welt in jenen Mustern und Sinngebungen zu sehen, die ihm seine Kultur vorgibt.


Absage: In der 42. Folge der Sendereihe DER MENSCH IN DER ZUKUNFT von Herbert Kundler hörten Sie heute: Das Selbstverständnis des Künstlers in der Zukunft.

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EIGENE TEXTE
Aus "Mitteilungen des Instituts für moderne Kunst Nürnberg" Nr. 2 + 3/März 1971

z.B. Ein Spielclub
von Bubenik Gernot

Theorie und Werk sind bei meiner Arbeit Teile eines die ganze Person beteiligenden
Lernprozesses. Der Gesichtsausdruck, die Körperbewegung, Lieben, Sprechen, Wohnen, das Agieren im gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsprozess, dies alles gehört dazu und lässt sich ohne Verstümmelung der Gesamtperson nicht heraus interpretieren.

Der Kunstmarkt erzeugt mit seiner Funktion als Zulieferer für die finanzstarken aber künstlerisch unproduktiven Minderheiten den Zwang, die eigene ökonomische Grundlage ausschließlich durch den Verkauf eines Teilproduktes, also der "Kunstwerke", zu bestreiten. Die dabei erfahrenen frühkapitalistischen Ausbeutungsmethoden (in Gemeinschaft mit dem Unverständnis der Gesellschaftsplaner in den Regierungen gegenüber den komplexen Funktionen der Kunst in einer modernen, sich verändernden Gesellschaft) zwingen den bildenden Künstler, seine Bilderproduktionen aufzublähen und mit werbewirksamer, aus dem 19. Jahrhundert übernommenen Geheimnistuerei vom hohen Elfenbeinthron herunter seinen "Durchfall" als Kunst zu präsentieren.
Die Kunst, Kunst als Kunst zu verkaufen wurde folgerichtig die Kunst des Jahrhunderts. Der Kapitalist als Künstler! Sein Material: Geld und Menschen. Das Ergebnis: 96 % aller bildenden Künstler in der BRD und West-Berlin arbeiten als Hilfskräfte in Fremdberufen, leben unter dem Existenzminimum oder vom Geld des Ehegatten, sind resigniert oder "Sonntagsmaler". Eine Folge dieser Verschleuderung wichtiger gesellschaftlicher Produktivkraft ist, dass das Wissen immer unanschaulicher, d. h. abstrakter wird und die Vermittlung dieses Wissens deshalb nicht Erfahrung und Leben werden kann, weil die (z. B. in Schulen benutzten) Kommunikationswege nur Einzelheiten, aber nicht mehr ein zusammenhängendes Bild transportieren können. Es werden Menschen produziert, die nicht mehr sehen können, in welcher Welt sie leben, da das Denken in Bildern nicht verbreitet worden ist.
Die Anwendung aller bekannten Kommunikationsmedien bis zum Rollenspiel und zur Ernsthandlung in Zusammenarbeit mit dem Künstler ist im Sozialisationsbereich unserer Gesellschaft Utopie. Denn der Kunsthandel hält, der herrschenden Kunstideologie folgend, die Kunst und den Künstler vom Sozialisationsbereich fern und macht sie ausschließlich zum bürgerlichen Wohnzimmerschmuck.

Die Unterscheidung zwischen freier und angewandter Kunst zählt bereits jetzt nicht mehr. Jeder Künstler wird nur noch begrenzte Zeit visuelle Forschungsarbeit betreiben, dann aber die Erprobung seiner oder anderer Künstler-Erfindungen bei der Bewusstseinsbildung der Bevölkerung leiten.

Ich habe das für mich Mögliche getan, um mit dem Medium Tafelbild auf die eigentlichen Funktionen der Kunst hinzuweisen: nämlich Theorie im Werk, sogar noch deutlicher, Text auf Schautafeln und Begriffsbildern eingenistet. Auch habe ich (da ich die Folgenlosigkeit solcher Kunstübungen und die achtlose Vermarktung erlebte) zeitweise die Theorie zum Werk gemacht. Unter folgenden Titeln habe ich zwischen 1964 und 1968 Theorien herausgebracht: "Altamerikanische Begriffsbilder, elektronische Apparate und Hautmuster der Tiere", "Integrierte Kunst ist innerhalb der Gesellschaft ein Mechanismus der Veränderung", "Der Prozess der Abstraktion", "Der Prozess der Bildherstellung", "Kunst als Lernprozess", "Visuelle Didaktik" u. a,
Seit 1968 habe ich keine individuellen Theorien mehr verbreitet, sondern meine Vorstellungen in Gruppenarbeit modifiziert und über Gruppen wirksam werden lassen.
Ort der ersten kollektiven Ernsthandlung war der Berufsverband bildender Künstler (ich bin da seit 1968 2. Vorsitzender). Von da aus entwickelte sich in Richtung BRD die sogenannte "Berliner Initiative"; sie wird die Kunst und Kultur als eine verändernde Kraft in dieser Gesellschaft institutionalisieren. Als erster Schritt dazu wird die enge Zusammenarbeit der Berufsverbände mit den Gewerkschaften innerhalb der Gewerkschaft Kunst bzw. in einer neuen Gewerkschaft Kultur angestrebt.
Nächster Ort der kollektiven Ernsthandlung war die Deutsche Gesellschaft für bildende Kunst. Das gemeinsame Handeln von über 180 Berliner Künstlern führte zur Auflösung der alten Gesellschaft und zur gemeinsamen Gründung der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK). Bei der kollektiven Arbeit in dieser neuen Gesellschaft steht die Theorienbildung in der Anfangsphase deshalb an erster Stelle, weil die Vernachlässigung der Bewusstseinsbildung auch in der Hochschule zum "Stil" gehört und irgendwann einmal die Jahrzehnte alten Bildungslücken besonders im Bereich der Gesellschaftswissenschaften gefüllt werden müssen.
In einer kollektiven Aktion hat die Arbeitsgruppe "Grundlagenforschung" das Wissen über die Funktion der Kunst in unserer Gesellschaft in einem Katalog, 6 um-fangreichen Arbeitsheften und einer SuperAussteIlung zusammengetragen und als Grundlagenmaterial zur weiteren Bearbeitung in den Bereich Kunst eingebracht. Für diese Ausstellung habe ich auf Schautafeln die Entwicklung von der Urgesellschaft bis zum Kapitalismus dargestellt.

Den Spielklub für Arbeiterkinder, ein Projekt der von Göta Tellesch und mir initiierten Arbeitsgruppe "Spielumwelt" innerhalb der NGBK gibt es seit Oktober 1970. Er ist bereits eine erfolgreiche Institution in der Kulmerstraße im Bezirk Schöneberg, in der bis zu 70 Kinder aus der Nachbarschaft eine eigene Gemeinschaft gebildet haben. Es war die Idee von Peter Möbius aus dem "Hoffmann Comic Theater", in der gemieteten Fabriketage eine bewohnbare Stadt als Spielumwelt und Rollenspiel mit konkreter Realitätsvermittlung gemeinsam mit den Kindern aufzubauen und alle sich ergebenden Funktionen und Konflikte über längere Zeit durchzuspielen. Die Kinder und Jugendlichen sind bereits zu selbstbewussten Mitgliedern einer Minigesellschaft geworden. Es gibt Kleinunternehmer, Angestellte und die Arbeitsvermittlung. Die Bank, der alle Produktionsmittel gehören, gibt das Spielgeld, die Kulmer-Mark, aus. Von den Kindern werden Geldbörsen, Tapeten, Ladenschilder, eine Zeitung und Pop-Hemden produziert und in den Klubläden verkauft. Es gibt eine Bücherei, ein Theater, einen Photoladen, der Filmkameras, Fotoapparate und Tonbandgeräte an die Kinder verleiht. Ein von den Kindern betriebener Sender bringt Nachrichten, Produktwerbung und Musik. Es gibt ein Stadtparlament, in dem über Preise, Löhne und über gemeinschaftswidriges Verhalten gesprochen und abgestimmt wird. Der Spielklub, entstanden aus der Berufspraxis und Initiative der Künstler, ist als ganzes ein Kunstprodukt. In welcher Form aber die bildende Kunst in diese Minigesellschaft eingeführt werden kann, welche Funktion sie also in dieser Gesellschaft hat, wird in unserem Spielklub erst in den nächsten Monaten zu beobachten sein. Von hier aus werden die bildenden Künstler wieder neue Aktivitäten in die große Gesellschaft der Erwachsenen tragen können.
Der Spielklub ist ein Beitrag zu der gegenwärtig laufenden Auseinandersetzung über die Funktion der Kunst in unserer Gesellschaft. In dieser exemplarischen Form bilden sich die beiden Faktoren Theorie und Werk in den Aktivitäten der NGBK ab: Bewusstseinsveränderung durch theoretische Untersuchungen und ihre Publikation in Ausstellungen und Büchern, sowie praktische Arbeit gemeinsam mit der Bevölkerung, um von dort aus eine Veränderung der künstlerischen Produktion einzuleiten. Neue emanzipatorische Funktionen der bildenden Kunst werden beispielhaft vorgemacht.

Nach intensiver Beteiligung an der Initiierung und Organisation dieser langfristig ab-laufenden Kunst-Aktionen während der vergangenen 3 Jahre gewinnt das Bildermachen für mich wieder an Bedeutung. Hierbei wird bereits eine Veränderung meiner Arbeit sichtbar, da die Erfahrungen der letzten Jahre mein Bewußtsein verändert haben und auch neue gesellschaftlich sinnvolle Funktionen des alten Tafelbildes auftauchen; Beispiele: Im Bereich der Realitätswahrnehmung: die Landschaft. Im Bereich der Veränderung der Menschen infolge gesellschaftlicher Veränderungen: das Portrait; und im Bereich der Realitätsvermittlung : Bildergeschichten auf Schautafeln, Film und Dia.

Zur Zeit bin ich in einen rein artistischen Lernprozeß eingestiegen. Die neuen Bilder heißen "Wahrnehmungsbilder" und geben wie ein Foto Ausschnitte der Wirklichkeit wieder, etwa eine Welle des Mittelmeeres. Ich zeige, wie sich das Wasser fortbewegt, nur dort Wasser ist, wo es sich bewegt, mit der Farbe die Konsistenz verändert, bewachsene Landschaft wird gelbgrün zu Bäumen und Blättern greifbar nah im Vordergrund. Alles mit der Spritzpistole in den Grundfarben Gelb, Rot, Blau, aufgebaut wie ein Ektachrom Foto, gemacht mit der Präzision einer elektronischen Maschine, die ich spielend eingeübt habe - wie ein Zirkusartist das Balancieren sich drehender Bälle, während das Pferd, auf dem er steht, rund galoppiert. Damit ist für mich nach dem Gebrauch der Schemata Zeichen und Abbilder aus den verschiedensten Wissenschaften die Malerei an einem ganz anderen Ort wieder entdeckt worden (den ich ein andermal genauer beschreiben werde). Forschungsziel dieser Wahrnehmungs- und Wiedergabeartistik ist: ein Code der Elementarstrukturen, über die sich Wirklichkeit in unserem Bewusstsein abbildet, wird sichtbar gemacht und zum Einüben dem Bewusstsein in "Wahrnehmungsbildern" vorgeführt. Die Benutzung dieses Codes zur elektronischen Erzeugung von "Wahrnehmungsbildern" für die Herstellung elektronischer Filme ohne Kameraaufnahmen - wodurch die Aufzeichnung und Vervielfältigung unserer Träume und Wünsche auf Video-Bänder als reizvolle und für die Entwicklung des Bewusstseins wohltuende Kunstart eines jeden einzelnen denkbar wird - werde ich der Industrie der 80er Jahre überlassen.

Die Schulung der Wahrnehmung führt zur Entwicklung eines visuellen Denkens. Nicht nur die Wahrnehmung wird dadurch verändert, sondern auch herkömmliche, an die Sprache fixierte, eindimensionale Denkstrukturen verlieren an Bedeutung. Das Denken in bewegten Bildern, für viele nur im Traum oder chemisch möglich, wird damit zur "Umgangssprache". Es wird daraus ein Instrument zum Begreifen der Wirklichkeit das neben die Philosophie tritt. Neben die Geisteswissenschaft tritt, aus ihr ervorgegangen, die Bilderwissenschaft; sie produziert eine visuelle Technik und wird den ersten Vorläufer, das Fernsehen, als ein belächeltes Kümmerding ins technische Museum abdrängen. Ich stelle mit eine Zeit vor, in der wir mit Hilfe der Kunst und der Technik wieder eingeübt haben, was in vergangener Zeit Menschen möglich war und heute an seltenen Orten sicher wenige noch können: sich einfach gegenüberzustehen, anzusehen, zu berühren und die Gedanken des anderen als Film wie einen Traum zu sehen. Das Paradies der Künstler muß nicht mehr gemalt oder gefilmt werden, es wird gemacht, es breitet sich aus, und immer mehr Menschen kön-nen darin leben. Stellen sie sich rückblikkend vor, Denker der Vergangenheit, wie Marx, Freud, Reich und Bloch hätten nicht Bücher geschrieben, sondern einen fortlaufenden Film in realistischen Bildern auf Video-Band gedacht und wir könnten uns jeden Samstag um 20.30 Uhr diese als Erfolgsserien im 1. TV-Programm ansehen.

Gernot Bubenik

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EIGENE TEXTE
Rätseltext II/67 für Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler

Wie entsteht die Form des Embryos? - die Form der Schneekristalle? - der Kieselalgen? - der Blüten? - der Erdoberfläche? - der Spannungsmuster? - der Lautfiguren? - der Logik? - der Formeln? - der Bevölkerungsverteilung? - der kybernetischen Modelle? - der Transistoren? der Strahlen - Triebwerke? - der Satelliten? - der Großstädte? - der Kunstwerke? - des Fernsehbildes?

Beginnt die Kulturgeschichte bei den Kieselalgen?
Ist das Wachstum der Großstädte unaufhaltsam?
Wie viel Natur enthält der Transistor?
Wie viel Prozent Kunst enthält die Gestalt des Feuersalamanders?
Welche künstlerische Absicht verfolgen die Eingeborenen aus Ubangi - Soharie beim Tamtam Beya?
Welche Art der Ornamentik erfand der Chro-Magnon-Mensch beim Rezitieren der Zauberformeln?

Wissen Sie etwas über die folgenden Ornamente:

Das Ornament: Dämonenbeschwörung?
Das Ornament: Tibetanische Tempelmusik?
Das Ornament: Gebetsgesang?
Das Ornament: Sakraltanz?

Handelt es sich beim Anruf der Orakelgottheit um: "Neue Abstraktion"? -
"Neue Ornamentik"? - um "Surrealismus"? - oder um die Programmierung
einer Lernmaschine?

Das Ornament: Der Jaguar verschlingt die Sonne.
Das Ornament: Die Sonne im Schoß der Erde.
Das Ornament: Tlazoltéotl gebiert den Maisgott.
Das Ornament: Die fünf Weltgegenden.

Das Ornament "óllin" (d.h. Bewegung: Die Bewegung der Sonne wird bewirkt durch das Blasen des Windes. Cheóath treibt den Sonnenball an.
Die Träger der Sonne sind zwei rote Schlangen.)

Wann war Kollektivkunst möglich?
Wissen Sie wann das Zeitalter Schrift&Abbild&Zierornament" zu Ende ging?
Handelt es sich bei den Farbe erzeugenden Strukturen einer Pfauenfeder um die künstlerische Absicht dieses Vogels?
Ist das Ornament auf dem Flügel des Tagpfauenauges engagierte Kunst?
Sind die Bilder auf der Schlangenhaut "realistisch" oder "abstrakt"?

Die Kunst der Eidechse und ihre Gesetze.
Die Kunst der Schildkröte.
Die Kunst der Korallenottern.
Die Kunst des Kaiserfisches (Jugendwerk und Spätentwicklung).

Das Ornament: Desoxyribonukleinsäure
Das Ornament: Synthese des Chlorophylls
Das Ornament: Mathematik
Dass Ornament: Kulturgeschichte
Das Ornament: Manhattan
Das Ornament: Sprachübersetzungsmaschine
Das Ornament: Kunstgeschichte

Ist die Mona Lisa von Leonardo ein menschliches Hautmuster?
Verursachen die Pigmentstoffe des Ektoderm die Farbanordnungen auf den Bildern von Seurat und Albers?

Das Hautmuster: Klassik
Das Hautmuster: Technik
Das Hautmuster: Tachismus
Das Hautmuster: Schrift
Das Hautmuster: Ornamentik

Fühlen Sie sich wohl in Ihrer Haut?


Berlin März 1967

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EIGENE TEXTE
Künstler Menschmüller
von Gernot Bubenik, Dezember 1979


Beim Künstler Menschmüller hat sich endlich ein Händler eingefunden. Die Historienbilder, die Landschaften, die Blumenstillleben mag er nicht. "Geben sie mir doch das, was so aussieht wie ein Schmetterling aus bunten Farbbändern -, Was? Das Bild ist nicht verkäuflich? Sie lassen mich nicht nochmals vier Treppen umsonst hochsteigen."
"Das sind alle meine Wünsche in einem Bild", sagt Künstler Menschmüller. "Ihre Wünsche interessieren mich nichthier - mit 400 Mark werde ich ihr Mäzen." Künstler Menschmüller nimmt das Geld, und der Händler nimmt das Bild. Die Miete ist einmal bezahlt, und 30 Tage sind gegessen. Der Händler ist nicht nochmals gekommen.
Künstler Menschmüller findet bezahlte Arbeit in einer Siebdruckerei.

Sechs Säcke Wischlumpen gehen dort durch seine Hände und an seinen Augen vorbei. "Ich unterscheide die Lappen nach ihrer Saugfähigkeit für Farbe, Lösungsmittel und Wasser", denkt Siebdrucker Menschmüller. "Die Muster sind auch in den letzten Jahren bunter und flächiger geworden. Oft flattert ein Schmetterling über Regenbogenbänder, und heute ziehe ich einen Lappen aus dem Sack, auf dem ist mein verkauftes Wunschbild aufgedruckt - nicht nur einmal - hundertmal. Jedes einen Zentimeter groß. Ich stecke diesen Rest eines Kleides in meine Schürzentasche, erschrecke über mein lautes Herz. Meine Hände sind heiß und nass. Die Augen sind blitzschnell mit einem Herzschlag übergelaufen.

Zu Hause lege ich den bunten Lappen über hart glänzende Farbreste, in denen Pinsel festgetrocknet liegen geblieben sind."

Siebdrucker Menschmüller sitzt lange vor seinen zuletzt gemalten Bildern und den bunten Lappen. Während der Arbeit zieht er von Tag zu Tag immer mehr "Wunschbild - Lappen" aus dem Lumpensack. In allen Größen, allen Farben, Zuordnungen und Überlagerungen, das einmal verkaufte Wunschbild. Siebdrucker Menschmüller kündigt seinen Arbeitsplatz wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen.

Als Reinigungsfachkraft bei der Datenbank bekam Menschmüller schon mehr Lohn und musste seine Wunschbilder nicht mehr als Putzlappen verwenden. Er schob die Reinigungsmaschine über kaum betretene Kunststoffböden, vorbei an beigefarbenen EDV-Anlagen, Telekopierern, Laserdruckern und Bildschirmserien.
Täglich einmal tastet Menschmüller die Außenhaut der Geräte mit Antistatiktüchern ab. Betroffen begegnet er unbewussten Lebensspuren der "Programmierer": Hier und da ein kindliches Herzchen, dort ein brutales "Fuck" und einmal das Wort "Votze", die er mit Nitroverdünnung vom Bildrand fachgerecht zu entfernen weiß.
Dann kam die Zeit der Hakenkreuze, die wie eine Hautkrankheit alle Geräte befiel. "Ich muss wie bekloppt roboten", vertraut Menschmüller seinem Notizkalender an, "zum Glück gehen die Schmierereien vom Glas der Bildschirmröhre leicht ab. Heut habe ich zum ersten Mal hinter dem Glas der Bildschirmröhre senkrechte Farblinien entdeckt. Wenn das nicht so was wie ein elektronischer Siebdruck ist?"

Menschmüller sitzt nachdenklich auf dem Rücken der Reinigungsmaschine vor einer langen Bildschirmserie und gießt heißen Kaffee aus der Thermosflasche in den Trinkbecher.


Sein seelischer Frieden dauerte bis zum 18. Dez. 1978: Hinter dem Glas der Bildschirmröhre leuchtete zierlich klein und genau sein einmal verkauftes Wunschbild, der aus einem Regenbogen geflochtene Schmetterling, in zehntausendfacher Ausführung, jeder für sich sowohl in Größe als auch Helligkeit beweglich, die Bildfolgen in seifenblasenschillernder Farbigkeit herstellend.
"Menschmüller - Sie sind ja ganz blass", ruft der Reinigungszugmeister. "Ich glaub, ich werd' verrückt - sehen Sie sich doch mal das Bildraster an, das war doch gestern noch nicht." Menschmüller sitzt auf seiner Reinigungsmaschine und knetet sein rechtes Bein. Es war ihm einfach eingeknickt.
"Meinen Sie vielleicht die neuen Fernsehgeräte? Die hat die Firma heute morgen montiert. Sollen viel farbiger sein als die alten. Also ich sehe da keinen Unterschied." Menschmüller verlässt den Reinigungszug der Datenbank. Auf einer Alm in Bayern entspannt sich sein Nervenkostüm. Fröhlich betritt er ein Wirtshaus.

"Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein", steht auf dem Holztaferl zwischen gemaltem Enzian und Edelweiß. "Hier ist Ihr Zimmer", sagt die Wirtin, "ganz modern sind wir jetzt worden. Schaun's wie geschmackvoll die Tapeten zum Bettzeug passen. Alles der gleiche Schmetterling. - Gefällt's Ihnen net? Dann nehmens doch das blaue Zimmer. Wir habens in allen Farben. - Halt, halt! Was machen's denn da mit dem Messer. Sie sind ja wahnsinnig! Fetzt der Depp das Bettzeug auf und reißt die Tapeten von der Wand! Herr Wachtmeister, da ist einer übergeschnappt"

Menschmüller wird mit der Funkstreife ins Kreiskrankenhaus gefahren: "Ich habe einmal mein Wunschbild verkauft, jetzt sehe ich es auf Stoff gedruckt, auf Tapeten und zehntausendfach auf Fernsehbildschirmen." "Hm", sagt der Therapeut, "auf dem Fernsehschirm sagen Sie? Wie soll es denn aussehen? Wie ein kleiner Schmetterling sagen Sie? Nein, also ich sehe nichts. Sehen Sie doch selbst"
Menschmüller sieht durch die Lupe und erkennt farbige Pünktchen. Einfache kreisrunde Pünktchen, wie im Teesieb. Menschmüller hat Schweißperlen auf der Stirn.
"Es ist besser, wenn Sie mal eine Weile bei uns bleiben", sagt der Therapeut "Sie werden staunen, wen wir hier schon alles haben. Wollen Sie zu den Erfindern oder zu den Sehern?"

Menschmüller verlässt die Nervenklinik unerlaubt und taucht als Landstreicher unter. Gemeinsam mit seinem liebsten Pennbruder verdient er ein paar "Kröten" als "Versuchskaninchen" bei der biotechnischen Firma "Scherifunken". Nach einer Impfung mit synthetischen Viren fühlt er sich ganz anders.
"Ihr Körper hat den von uns hergestellten enzymatischen Rezeptor, den wir wegen seiner markanten Form den Schmetterling nennen, voll integriert und produziert jetzt mit ihren körpereigenen Substratmolekülen ein Hormon, das es im menschlichen Körper bisher nicht gegeben hat", sagt der Professor, und etwas leiser: "Mit dieser positiven Reaktion haben wir eigentlich gar nicht gerechnet. Sie sind jetzt einmalig und stehen ab jetzt als Betriebsgeheimnis unter unserem Schutz. Sie werden verstehen, dass wir an Ihrer guten Gesundheit und an Ihrem weiteren Leben interessiert sind. Zur Entspannung schicken wir Sie erstmal nach Kalifornien."

"Donnerwetter", sagt Künstler Menschmüller, "kann ich die kleinen Biester auch mal sehen?"
Menschmüller betrachtet sein Blut auf der Sichtscheibe eines Lichtmikroskops. Nur halb so groß wie ein Blutkörperchen ist jeder einzelne synthetische Virus, der sich im Blutplasma vierflügelig fortbewegt wie ein Schmetterling in der Luft.
"Hab ich aber Glück gehabt, dass mein Wunschbild und ich so fabelhaft zusammenpassen", denkt Künstler Menschmüller.

EIGENE TEXTE
Kinder und Regenwürmer
Berlin 28.11.1996 Zur Eröffnung der Ausstellung:

Meine erste Begegnung mit dem Regenwurm hatte ich als 5 jähriger, als ich meiner Mutter zusah wie sie sich vor meinen Füßen bückte und einen Regenwurm, den ich gar nicht bemerkt hatte, zwischen ihren Fingern hochnahm, mit ihm über die Straße rannte, um ihn auf den Rasen eines Gartens zu werfen. „Du mußt hinschauen wo du hintrittst, du machst sonst alle kleinen Tiere auf dem Weg tot,“ sagte sie. Sie rettete einen Wurm nach dem anderen vor meinen Füßen. Ich habe sie dann auch gesehen: Besonders wenn es geregnet hatte krochen sie über den Weg. Ich habe ihr dann dabei geholfen die Regenwürmer von der Straße zu sammeln. Dabei entdeckte ich noch andere Tiere, die auf der Erde krabbelten. Es wurden immer mehr, bis es fast unmöglich war einen Schritt zu machen ohne eines davon zu zertreten. Dann wußte ich, daß von jedem meiner Fußtritte hunderte kleiner Tierchen bedroht wurden. Diese Vorstellung war unerträglich. Meine Mutter merkte auch, daß es unmöglich war alle Tierchen vor den Fußtritten zu retten und sie erleichtere mein Gewissen mit dem Satz: „Zum Glück sind die meisten so klein, daß sie vom Fuß gar nicht zerdrückt werden können“ .

Die Fabelwesen aus den Kinderbüchern damals: Erdmännchen, Zwerge, Gnome, Wurzelmännchen, Feen, Waldgespenster und Irrlichter hießen jetzt Regenwurm, Schnecke, Tausendfüßler, Ameise, Wasserfloh, Amöbe und Geißeltierchen. Seit meinem 5. Lebensjahr hatte ich eine Lupe in der Hosentasche und mit 8 guckte ich durch ein selbstgebautes Mikroskop. Das war dann viel aufregender, spannender und lebendiger, als die Geschichten in den Kinderbüchern.

Heute kommen die Zwerge, Hexen und Geister übers Fernsehen in den Kopf. Sie bewohnen andere Planeten in Galaktischen Räumen und beamen sich ins Raumschiff Enterprice.
Es sind Lichtgestalten, Humanoide, Mutanten oder grüne Männchen vom Mars. Angeblich kommen sie mit fliegenden Untertassen auf die Erde. Angeblich nutzen sie uns unbekannte Energien. Fliegen sie mit Lichtgeschwindigkeit? Nein bestimmt so nicht. Sie sind viel schlauer die grünen Männchen: Wenn sie auf Reisen gehen verkleinern sie sich auf den tausendsten Teil eines Millimeter. Ganz ohne Treibstoff, umrunden sie dann unsichtbar die Erde und zu hunderttausenden bewohnen sie die Komposterde, die Wurmhäuser, die Minibiotope und Pflanzenhäuser in dieser Ausstellung. Sie sind schon da die Bewohner der galaktischen Räume. Ohne Untertasse oder Raumschiff. Sie waren schon da bevor es Menschen gab. Und wenn ich sie lange genug beobachte merke ich, daß ich sie verstehen kann. Jedes zeigt einen eigenen Willen, freut sich, kann müde sein, spielt gern mit anderen und hat eine eigensinnige Bewegung drauf. Sie tun sich zu abenteuerlichen Figuren zusammen, die oft aussehen wie Raumschiffe.Damit schwimmen sie durchs Wasser wie Kapitän Nemo im Ozean oder schießen wie Pize in die Luft. Dann kann ich die Geschichte auch so weitererzählen, daß ich selbst ein ziemlich großen Raumschiff dieser galaktischen Lebewesen bin, oder besser eine ganz moderne Bodenstation auf dem Planet Erde.

In den vergangen 2 Jahren haben gut 500 von euch kreuzberger Schülerinnen und Schülern mein Atelier besucht. Dabei konnte ich euch genau beobachten. Viele von euren Gesichtern habe ich für diese Ausstellung vergrößert. Seht euch in die Augen : Sie sind echt galaktisch. Ihr braucht es ja nicht laut zu sagen. Ich will aber vorsichtig die Vermutung aussprechen: Ihr wißt es schon längst, daß ihr selbst die grünen galaktischen Männchen seid, die auf die Erde gekommen sind um diese zu erforschen und zu bewohnen. Ich wünsche euch dabei weiter Mut und viel Vergnügen.

Ich bedanke mich beim Bezirksamt Kreuzberg das es mir erlaubt in diesen Räumen die ganze Geschichte mit Bildern, Objekten und lebenden Pflanzen und Tieren aufzubauen. Ohne den finanziellen Möglichkeiten der Abteilung für Soziales wäre diese Ausstellung mit allen Workshops und Schulklassen nicht zustande gekommen. Meinen herzlichen Dank dafür.

Respekt und Bewunderung verdienen Betina, Silke und Elke vom Kulturbüro Kreuzberg, daß sie den Mut hatten sich für dieses nicht gerade opportune Thema einzusetzen.

G.B.

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Gernot Bubenik
Adalbertstrasse 94
10999 Berlin
E-
Mail
Eröffnungsrede
Bundeskongress
1971

30 Jahre BBK
1980

Arte e ecologia

Kinder und
Regenwürmer

Kunst und Ökologie

RIAS Interviev
1970

Menschmüller
1979

Rätsetext
1967

Spielklub
1971

WERKE SEIT 1962 | ARTWORKS SINCE 1962 | TRABALHOS DESTE 1962
GERNOT BUBENIK
EIGENE TEXTE
30 Jahre BBK - Entwurf für ein Vorwort des gleichnamigen BBK Kataloges.
Der Text wurde nicht veröffentlicht. Er liegt seit 1980 im Archiv der Staatlichen Kunsthalle Berlin.

Die Werkstattaktion des BBK begann eigentlich schon während meiner Ausbildung an der HfbK Berlin zum freien Maler und Grafiker, als Schüler von Wolf Hoffmann, dem Gründungsmitglied im Vorstand des BBK 1950, der in der HfbK die Radierwerkstatt leitete und dort auch die erste Siebdruckwerkstatt in Berlin eingerichtet hatte.
Freie Malerei und Grafik ist ein Konzept, das den künstlerischen Gebrauch der Drucktechniken meint und darauf hinaus will, den Künstlern ihre ureigensten Ideen in Form von geeigneten Produktionsmitteln wieder zurückzugeben. Bereits Anfang 1965 habe ich in der Küche meiner Zweizimmerwohnung eine Kopie der Siebdruckrahmen der HfbK Werkstatt aus Holz gebaut und damit meine Publikation "Das komplexe Gedicht" aus Siebdruckauflagen hergestellt und über den Buchhandel und direkt als Warensendung vertrieben.

Dieses Erlebnis der Einheit von Idee und Produktion, also einer Wechselwirkung zwischen beidem im künstlerischen Arbeitsvorgang, aus dem dann das "lebendige" Kunstwerk, gleich in hundertfacher Ausführung geschaffen wird, erkannte und formulierte ich dann als einen unverzichtbaren Grundwert für freie Malerei und Grafik.
Die Aneignung solcher künstlerischer Ideen und Produktionstechniken durch die Verwertungsindustrie in Buchdruck, Fotografie, Rasterdruck, Produktwerbung und elektronischen Medien, hatte die Trennung von Idee und Produktion in einander entgegengesetzte Interessengruppen zur Folge, ließ die Produktion zum Zensor künstlerischer Arbeit sich erheben und die, im Grundgesetzt festgeschrieben Wertentscheidung für die Freiheit der Kunst im konkreten gesellschaftlichen Leben,
zur grenzenlosen Freiheit der hinter den Produktionsmitteln organisierten wirtschaftlichen Interessen umkehren.

Für solche und ähnliche, seit den sechziger Jahren hinlänglich bekannten Formulierungen, hatte ich, damals zum "erfolgreichen Künstler" ernannt (höchster Jahresgewinn von 18 000.-- DM bei einem Umsatz von 36 000 DM ), meinen ganz persönlichen Erlebnishintergrund aus dem hervortretend ich die Werkstattaktion entwickelt habe. Um Mißverständnissen vorzubeugen bestehe ist auf Genauigkeit in diesem Punkt: Nicht die damalige Geschäftsführung des BBK hat mich beauftragt, sondern ich habe den kollegial geführten Vorstand aktiviert, die Geschäftsführung zu beauftragen mitzuhelfen, die Werkstatterweiterung zur wichtigsten Aktivität des BBK zu machen.

Wer damals in der Presse den Eindruck zu erwecken versuchte als gäbe es noch etwas hinter den Aktivitäten, etwa "politische Drahtzieher", der offenbarte nur seine versteckte Kunstfeindlichkeit: Denn da gab es nichts dahinter als "nur" den innovativen künstlerischen Prozeß und die Biographien einiger Künstlergenerationen. Zur Erklärung, falls erforderlich, reicht also die jüngere Geschichte der bildenden Kunst.

1968 aber haben berliner Künstler ein neues Kapitel aufgeschlagen: Der Künstlerboykott gegen die Deutsche Gesellschaft für bildende Kunst mit dem Ziel die Mitbestimmung an den Vermittlungsaktivitäten zu erreichen und das entschiedene Zurückweisen eines an uns herangetragenen Vorschlages die "Kunst - am - Bau - Prozente" auf Brandmauern zu verausgaben, anstelle einer weitergehenden Kooperation mit dem Ziel einer humaneren Stadt- und Umweltgestaltung, das waren die ersten Proben gemeinsamen Handelns, organisiert von der "Aktionsgruppe im Kunstvereins" die damals mit dem Beirat des Berufsverbandes fast identisch war.

Während vom Berufsverband Berlins die "Berliner Initiative" in Richtung Westdeutschland weitergereicht und der Anschluß an die Gewerkschaft Kunst gefunden wurde, begannen die gleichen bildenden Künstler in den Arbeitsgruppen der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst den Kulturbetrieb neu anzumischen. Der Berliner Kultursenat hat diese Aktivitäten von Anfang an begrüßt und durch seine politischen und finanziellen Möglichkeiten überhaupt erst richtig zum Tragen gebracht.

Die beteiligten Künstler sind mehr oder weniger freiwillig in ihre Ateliers zurückgegangen.
Den zurückgebliebenen Institutionen: Dem BBK Berlin und der NGBK kann ich nur wünschen, daß diejenigen Künstler, die der Avantgarde von damals am, ähnlichsten sind, die Performenc-Künstler, Alternativen, Ökogruppen und Kunstarbeiter ihre eigene Geschichte auch in diesen vergangenen Kunstaktionen erkennen.

Gernot Bubenik
Berlin Januar 1980

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EIGENE TEXTE
Kunst und Ökologie

Ich habe absichtlich die Kombination "Kunst und Ökologie" gewählt
(früher auch "Kunst und Kompost", "Kinder und Regenwürmer") um die gleichnamige Diskussion im Jornal "Kunstforum" Bd. 93 Februar, März 1988 in der das Thema "Kunst und Natur" wiederbelebt wurde für mein Projekt, das ich ja bereits in den 60igerjahren mit meinen Popart-Objekten "Schautafeln" und "Querschnitten" zu biologischen und ökologischen Themen begonnen und in den Kunstbetrieb eingebracht hatte, nützlich zu machen. 1980 begann ich dann mit direkten Abdrucken und Bewegungsspuren meines Körpers dem nicht artikulierten Zusammenhang von Natur und Kunst einen Ausdruck zugeben. Aus meinem Atelier heraustretend gründete ich 1992 den ersten Aktionsraum für expressive Kulturtechniken (Werkstatt für Farbaktionen und Werkstatt für Ökologie) als Aktionsraum für Kinder und Jugendliche und ging in den 90iger Jahren mit der Workshop-Performance "COERENCIA DE FORMA E MOVIMENTO", (der Zusammenhang von Form und Bewegung) nach Brasilien. Seit 1998 betreibe ich mein Modellprojekt für zeitgemäße Unterichtspraxis "Kunst und Ökologie" in den Räumen einer Kreuzberger Hauptschule. Insgesamt haben im In- und Ausland 1500 Personden an meinen Veranstaltungen teilgenommen.

Die Möglichkeit Kunst und Ökologie in einem Zusammenhang zu sehen ist in der Leistung der Mathematik Bewegungskurven (Kreis, Ellipse, Zykloide, Hyperzykloide, Meßdaten, Ereignisfolgen) Wachstumsprozesse und Mengenverteilungen (Infinitesimalrechnung, Statistik, Informatik) zu berechnen und in der Technik dieses über bildwirksame Apparate sichtbar zu machen (Computer mit Bildschirm und Farbdruckersystemen) bzw. in der Biotechnik in Form von künstlichen Mutanten lebendig hervorzubringen vorbereitet (Form ist Bewegung).

Das Projekt „Kunst und Ökologie“ gestaltet ein erweiterungsfähiges Enviroment mit einfachen Handlungen und Techniken Kinder und Jugendlich auf ein solches Verständnis einzustimmen., wobei durch Einsatz der eigenen Körperbewegung eine aktive Teilname an diesem Prozeß vorgeprägt werden soll. Besonders im Gebrauch und in der Übung der Hände als Werkzeuge zum erfolgreichen Gestalten der Umwelt begegnen sich Kunst und Ökologie beispielhaft. Verbindungen zum Schulunterricht sind überall da möglich, wo die Hand bzw. der ganze Körper in differenzierten Bewegungen die Kulturleistung hervorbringen soll.; z.B. Handwerken, schreiben, zeichnen, tanzen, Sport. Auch in der theoretischen Wissens vermittlung wird es in zunehmenden Maße interessant z.B. auch in der Mathematik, Sprache, Physik und Biologie Bewegungsabläufe zu erkennen, sich diese als Form einzuprägen und in gestalteten Körperbewegungen nachzuvollziehen. In dieser Idee begegnen sich Erkenntnisse der Sonderpädagogik (gerade weil die übliche Wissensvermittlung auf Erkennen von Bewegungsformen verzichtet, selektiert sie schwer integrierbare Gruppen, die eine rein abstrakte Wissensvermittlung nicht mitmachen können) mit aktuellen Kommunikation- und Darstellungstechniken die durch Komputertechnologie möglich geworden sind.
Die Verbindung zu Sport, Gymnastik und den oft akrobatischen Ausdrucksformen aktueller Jugendkultur einschließlich der Takings - und Grafitibewegungen kann eine Verkörperung der in Formeln abgehobenen Kenntnisse hervorbringen.

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